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In Heringsdorf sammelten sich die Jagdhornbläser. Ihre Instrumente griffbereit unter den Arm geklemmt und weidmännisch uniformiert, drängten sie sich in die Konzertmuschel. Die Bänke davor füllten sich mit meist betagten Kurgästen, die in Erwartung eines Kulturprogramms der kalten Brise trotzten. Am Rand einige barock kostümierte Reiter. Die Pferde schlugen nervös mit den Hufen, als die Waldhörner über den Platz schallten. “Holzwirtschaft ist Naturschutz”, stand auf einem großen Transparent. Nach kurzem Applaus begannen erst einmal die Ansprachen. Der offizielle Teil der Vorstellung hielt uns nicht, wir gingen zur Seebrücke hinüber.

Der Windfang, eine gläserne Wand, die den Steg in der Mitte trennt, ist eine sinnvolle Neuerung gegen Wind und Regen. Jetzt dämpfte er die einsetzende Blasmusik der Jagdfreunde, die uns aus der Ferne begleitete. Der moderne Bau am Ende der Seebrücke, natürlich ein Restaurant, sieht wie eine fernöstliche Kopfbedeckung aus. Auch nah besehen erinnert er an ein Hütchen, noch mehr, als in der Dämmerung seine Krempe von Lämpchen nachgezeichnet wird. Das letzte Fährschiff des Tages legte ab und steuerte auf Ahlbeck zu. Derweil veranstalteten die Waldmenschen am Strand ein Pferdeballett.

Spuren im Sand

Zum Frühstück im Hotel am nächsten Morgen waren die Bläser übrigens wieder da. Am Buffet erkannten wir sie noch nicht. Erst als sie Aufstellung nahmen, um einem Geburtstagskind in ihren Reihen ein Ständchen zu schmettern und die Gläser dabei erzitterten, waren wir im Bilde. Und hellwach.

Wir spazierten den Strand entlang. Der Wind schlief noch, die Sonne blendete von einem makellos blauen Himmel herab. Der Sand war von zahllosen Löchern zerstochen, die seltsam regelmäßige Muster bildeten. Noch beim Spurenlesen begegnete uns der Grund: Nordic Walker in ansehnlichen Rudeln pressten ihre Stöcke in den weichen Strand. Na, wohl die Skier vergessen? Manchmal ist auch über Witze mit langem Bart gut Lachen.

Die Zahl der Wanderer, Sportler, Flaneure und Sonnenblinzler wuchs von Minute zu Minute. Eine Möwe hatte ihre liebe Not, sich ihrer Beute zu widmen. Immer wieder gestört, klemmte sie sich den toten Fisch in den Schnabel. Aufflattern, zwischenlanden, aufschrecken, weiterziehen. Immer wieder. es war einfach kein ruhiges Fleckchen mehr für sie zu finden.

Zeigen, was man hat

Kaiserbäder. Zwischen Heringsdorf und Ahlbeck reihen sich aufgeputzte Villen und Hotels aneinander. So viel zur Schau gestellter Wohlstand, all die idyllisch-protzige Exklusivität - unbescheidene Fingerzeige auf den einstigen und in frischen Farben wiedererlangten, neu in Besitz genommenen alten Glanz. Nur hin und wieder flegeln sich noch Reste der Arbeiter- und Bauern-Ferienkultur mit eingeschlagenen Scheiben und bröckelnden Fassaden dazwischen. Fast so wie die Tagesbesucher, möchte man meinen, die den Prunk staunend beäugen, die Zehenspitzen in die Wellen tunken, wieder in den Bus klettern und zu Hause erzählen können, dort gewesen zu sein, wo auch die Reichen und Schönen Ferien machen.

Nackte Tatsachen

Die Strandkörbe wurden in den Sonnenlauf gerückt, die Jacken abgeworfen. Auch wir erlagen der Verlockung, ließen das Wasser unsere Füße umspielen. Doch die Ostsee war noch nicht auf Spiele aus. Sie schnappte mit eisigen Zähnen zu und wir mussten selbige erst einmal zusammenbeißen, bis wir uns an die Kälte gewöhnt hatten. Die Wassertemperatur betrage rund sieben Grad, hörten wir es munkeln.

Ein kleiner Junge ließ uns glauben, es wäre bereits August. Splitternackt lief er die gut zwanzig Meter zwischen dem Strandkorb seiner Eltern und der Wasserlinie hin und her, schwenkte seinen Buddeleimer, kniete sich in den durchtränkten Sand. Um ihn herum Spaziergänger in langen Hosen und Jacken. Er bemerkte, dass wir über ihn staunten und darüber redeten, ihm schon vor geraumer Zeit so emsig und nackt begegnet zu sein. “Ich sammle nur Muscheln”, rechtfertigte er sich, hielt uns zum Beweis sein Eimerchen hin und machte sich von dannen. Wir schauten ihm nach und sahen den Sand von seinem Hintern rieseln.

Auf der Seebrücke blieben die Leute stehen, auch am Strand sammelten sich Zuschauer. Zwei junge Männer hatten sich ihrer Kleider entledigt und machten sich auf, ein Bad zu nehmen. Zunächst in der Menge. Hier präsentierten sie ihre radikal rasierten Körper. Dass sie Spaß daran hatten, dafür sprach die Wahl des Ortes direkt neben der Seebrücke, die für die Passanten zur Loge wurde. Dann ging es ins Wasser. Ganz langsam, tastend, mit kleinen Schritten überwanden sie den flachen Strand, warfen sich dann einmal in die eisigen Wellen, hasteten zum Ufer zurück, warfen ihren Schrumpfkörper in Handtücher. Unter Kopfschütteln zerstreute sich die Menge, aber eben erst jetzt.

Die Hände zum Himmel

Strandparty. Die Seitenwand eines Anhängers wurde aufgeklappt und fertig war die Bühne. Das fröhliche Repertoire aus Gassenhauern und Stimmungsliedern heizte den Gästen ein. Feuerkörbe knisterten. Spanferkel und Bratwürste dufteten. Am Bierwagen herrschte Gedränge. Auch viele der Jagdhornbläser waren mit von der Partie. Die Lichter des Festes spiegelten sich auf der träge ans Ufer züngelnden Ostsee. Schiffe blinkten in der Ferne. Tanzpaare drängelten sich vor dem Bühnenwagen. Die Gäste auf den Bänken sangen und schunkelten mit. Schnell waren wir eingefangen und schwangen unsere mit Rum gedopten Colabecher in der Luft. Ein schöner, gemütlicher, fröhlicher, toller Abend, versicherten wir uns gegenseitig auf dem Rückweg zum Hotel, nachdem die letzten Zugaben endgültig verklungen und wir noch einmal die Seebrücke abgeschritten waren.