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Wer aus Richtung Westen nach Tübingen unterwegs ist, kann sie nicht übersehen. Mit hellen Mauern und rotem Ziegeldach strebt die kleine Kapelle dem Himmel zu. Es scheint, als hätten sich die Flanken des Berges diesem Drängen ergeben und reckten sich, steil aufsteigend, dem Bauwerk in ihrer Mitte zu, um es weit über die Landschaft zu heben.

Wer wollte nicht auch gern so hoch hinaus - und schon wandelt sich die Schönheit des Anblicks in eine magische Anziehungskraft. Am Fuß des Kapellenberges liegen Hirschau und Wurmlingen. Von beiden Orten aus versuchten wir zu erkunden, welcher Weg hinauf wohl der am wenigsten Beschwerliche wäre. Der Blick empor machte zunächst etwas kleinlaut, doch wir machten uns von Wurmlingen aus auf den Weg. Schnell zerstreuten sich alle Bedenken, denn der Spaziergang war viel kürzer, angenehmer und leichter als zunächst vermutet. Auf der nördlichen Seite führte der Pfad an Feldern, Weiden und Obstgärten vorbei, der Südhang ist mit Wein bebaut, dessen Herbstlaub den Boden bedeckte.

Ein letzter Anstieg und wir waren an der Wurmlinger St. Remigus Kapelle. Seit dem Jahr 1050 steht hier, in 475 Metern Höhe, diese Kirche, in der heutigen Form seit dem 17. Jahrhundert - so verrät eine Inschrift. Durch ein Tor betritt man den kleinen Friedhof, gesäumt von dicken Mauern und Plattform für einen grandiosen Rundumblick: Weit über das Neckartal zur Schwäbischen Alb hinüber sind am Horizont sogar die Türme der Burg Hohenzollern zu erkennen. Rottenburg lag ausgebreitet vor uns, Tübingen verbirgt seine Altstadt hinter dem nahen Spitzberg, auf der anderen Seite des Ammertals glänzte Schloss Roseck in der Nachmittagssonne.

Ludwig Uhland hat 1805 nach einem Spaziergang zur Kapelle ein Gedicht geschrieben, das die besondere Aura dieses Ortes einfängt:

Die Kapelle

Droben stehet die Kapelle,
Schauet still ins Tal hinab.
Drunten singt bei Wies' und Quelle
Froh und hell der Hirtenknab.

Traurig tönt das Glöcklein nieder,
Schauerlich der Leichenchor;
Stille sind die frohen Lieder,
Und der Knabe lauscht empor.

Droben bringt man sie zu Grabe,
Die sich freuten in dem Tal;
Hirtenknabe, Hirtenknabe!
Dir singt man dort auch einmal.

Es entstehen ambivalente Gefühle, wenn man hier die imposante Landschaft genießt. Die Welt vor Augen will man den Vögeln gleich die Flügel ausbreiten und sich frei in die Lüfte schwingen, während Gräber hinter dem Rücken davon künden, wie klein und vergänglich Leben ist.