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Unser Tag im kretischen Georgioupolis begann mit einem Besuch bei der Autovermietung. Ein zitronengelber Hyundai Atos wird uns die nächsten sieben Tage über die Insel fahren. Die erste Tour sollte in die Berge führen. Wir hatten von der antiken Stadt Lappa gelesen, die nach einer Zeit der Blüte in römischer und venezianischer Zeit zerfiel und später von einem Dorf, dem heutigen Argiroupolis mit wenigen hundert Einwohnern, überbaut wurde. Hier sollte es außerdem Quellen und Wasserfälle geben. Klang interessant.

Im ersten Anlauf durchfuhren wir das unscheinbare Dorf, weil wir nicht glauben konnten, hier schon am Ziel zu sein. Als die Schluchten immer schroffer wurden, die Gegend einsamer und die Straße schmaler, kehrten wir um. Insgeheim waren wir sogar froh, auf diese Weise hatten wir das sich bietende Panorama über Täler hinweg auf Küste und Meer nicht verpasst. Hinter der nächsten Kurve wurde das Dorf sichtbar, wie es sich an einen Berghang schmiegt. Wir hielten vor der Kirche und schauten uns ein wenig um. Das Dorf sah ganz gewöhnlich und verschlafen aus. Hier sollten die Ruinen von Lappa sein? Neben unserem Parkplatz gab es eine kleine, eingezäunte Ausgrabungsstätte: Einige Fundamentsteine und Sockelreste waren zu erkennen. Sollte das etwa alles sein? Möglich war es. Aber da wir schon mal hier waren, wollten wir ein wenig durch Argiroupolis spazieren.

Wir gingen durch ein Steintor, das von kleinen Läden flankiert wird. Die Verkäuferin eines Kräuterladens winkte uns zu sich heran und entpuppte sich als exzellente Fremdenführerin. Sie gab uns Tipps für unseren Rundgang, hatte einen Zettel mit Wegbeschreibung parat und markierte uns die wichtigsten Etappen. Dort ein römisches Bodenmosaik, da eine ionische Säule, eine venezianische Villa, eine römische Inschrift an einer Hauswand, der Deckel eines Kindersarkophages als Schwelle zu einer kleinen Kapelle. Das antike Lappa war eine Stadt mit vielen tausend Einwohnern, erfahren wir, und das Areal mit Ruinen und Funden reicht weit über die heutige Ortslage hinaus - bis hinunter zu den Wasserfällen, zu denen es für einen Spaziergang jedoch zu weit sei. Und abseits der Hauptstraße gebe es noch einen alten Friedhof zu entdecken.

Wir folgten der empfohlenen Route durch das Dorf, während die Sonne immer höher stieg und die Zikaden in der Hitze zirpten. Höchste Zeit, nach den kühlen Wasserfällen zu sehen. Und wirklich, die Quellen und Bächlein unter dem üppigen Blätterdach großer Bäume brachten die erhoffte Erfrischung. Überall, wo das Wasser aus den Felsen fließt, haben sich Tavernen einquartiert, garen halbe Lämmer und Tintenfische über dem Grillfeuer. Wege und Treppen führen an munteren Wasserläufen vorbei, in einen Felsen ist eine weiß getünchte, höhlenartige Kapelle gehauen. Besonders um die Mittagszeit lässt es sich hier aushalten. Geschützt vor der erbarmungslos lodernden Sonne fühlten wir uns in einen ganz und gar kreta-untypischen, schattigen Park versetzt.

Nur wenige Kilometer weiter bot die antike Begräbnisstätte ein ähnliches Ambiente. Doch zunächst führte ein staubiger Schotterweg an verdorrten Pflanzen vorbei, bis hinter dem Tor zu einer einsam stehenden Kirche ein kleiner Wald begann, in dem sogar ein Bach floss. Auf mehreren Ebenen sind in den Kalkstein der Hänge Nischen und Höhlen gegraben. Es sind Grabkammern, die einen Einblick in die Begräbniskultur vor mehr als 2.000 Jahren geben. So ähnlich muss auch das Grab von Jesus ausgesehen haben, stellten wir uns vor. Unter den Baumkronen und inmitten der vielen geöffneten Gräber herrschte eine erhabene, fast weihevolle Atmosphäre. Im Talgrund, direkt am Lauf des Baches, stand mit ausladendem Geäst eine uralte Platane, mit riesigem, knorrigen Stamm. Sie kann gut und gern schon an diesem Platz gestanden haben, als hier noch Tote beigesetzt wurden. Ringsum finden sich Bänke und sind Schilder mit Auszügen aus Gedichten in verschiedenen Sprachen aufgestellt. "Es ist ein angenehmes Geschäft, die Natur und zugleich sich selbst zu erforschen. Goethe", steht da auf griechisch und deutsch. Es ist schöner, verwunschener Ort, und wir waren froh, uns nicht gegen den Besuch dieses Friedhofes entschieden zu haben.