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Unser erstes Rethymnon-Erlebnis war eine Kreuzung. Auf sie ergossen sich die Auf- und Abfahrten der Schnellstraße, hier bündelten sich die Zufahrten in die Altstadt, die Vorstädte und die Berge. Unvermittelt standen wir mitten in einem Gewirr von Autos und Straßen. Markierungen, Fahrspuren oder Schilder waren nicht auszumachen. Der Knoten entwirrte sich nach dem Prinzip: Wer es eilig hat, hat Vorfahrt. Busfahrer, Taxis und Lieferwagen haben am wenigsten Zeit und am meisten Courage. Wir rollten einfach in ihrem Windschatten mit. Doch zum Aufatmen war es noch zu früh. In Richtung Hafen bündelte sich der Verkehr erneut. Im Stau vor den Ampeln huschten Vespas und Fahrräder im Slalom um die Autos herum und es galt, die Augen wirklich überall zu haben.

Rethymnon ist die drittgrößte Stadt Kretas, sie liegt auf einer Halbinsel und wird überragt von einer Festung, die sich mit dicken Mauern gegen das Meer stemmt. Sie wurde von den Venezianern angelegt, die hier über das Mittelalter hinweg den Ton angaben, bis sie Mitte des 17. Jahrhunderts von den Türken vertrieben wurden. In den folgenden mehr als 250 Jahren waren es Sultane, die hier das Sagen hatten. Im Ergebnis entstand das weithin sichtbare Markenzeichen der Stadt: eine mächtige venezianische Bastion, gekrönt von der in hellem Ocker leuchtenden Kuppel einer Moschee.

Zwischen Brandung und Festungsmauer verläuft eine Uferstraße, die wir entlang gingen, um zum alten Hafen zu gelangen. Die Hafeneinfahrt markieren ein Leuchtturm und eine hohe Mauer. Eine schmale Treppe führt zu einem nur wenig breiteren Steg hinauf, der bis zum Leuchtturm führt. Hier schoben sich die Touristen vorsichtig aneinander vorbei, um nicht in den Abgrund zu fallen - doch der Balanceakt lohnt, denn von hier hat man den besten Fotoblick über den Hafen. Im Hafenbecken wippten Fischerboote vor sich hin und verbreiteten ihren unverwechselbaren Geruch aus Fisch, Tang und alten Netzen. An der Kaimauer reihen sich die Restaurants, wo, wie es scheint, der frische Fang gleich in den Töpfen landet.

Der Weg durch den Hafen war ein Hürdenlauf. Im gefühlten Takt aller zehn Schritte fielen die Angestellten der Restaurants über die Fußgänger her, luden zur Pause bei einem Kaffee, boten ihre Hummer feil, preisten sich als bester Fischkoch der Stadt, kritzelten Rabatt-Angebote für einen abendlichen Besuch auf Visitenkarten. Der Wettbewerb ist hart, mit Freundlichkeit und Extra-Service versucht man sich gegenseitig zu überbieten und wir waren froh, als wir den Parcours hinter uns hatten. Wir tauchten in die Gassen der Altstadt ein. Eng und bunt ging es auch hier zu, orientalische Basaratmosphäre, eingerahmt von Minaretten und Moscheen, von Torbögen und Brunnen aus alter Zeit, herrschaftlichen Häusern, Arkaden, Loggien, Mauern, Plätzen.

Als wir den Weg zur Festung hinaufgingen, wartete die Mittagssonne schon auf uns. Von einer eiskalten Cola gestärkt, machten wir uns auf den Rundgang. Schnell wurde klar, dass es hier nicht viele Schattenspender gab, denn das Innere der Festung öffnete sich wie ein weites Plateau. Außer einigen Lagerhäusern und der Toranlage sind hier wenige Gebäude erhalten. Doch der Blick von den Mauern über die Stadt und das Meer ist spektakulär. Wir kletterten Treppen hoch, schauten durch Schießscharten, stellten uns in Wachhäuschen, blickten in Gewölbe und Ruinen. Der markante Mittelpunkt der Festung ist die Moschee Sultan Ibrahim Han. Das mächtige Halbrund der Kuppel leuchtet gelblich in der Sonne, vom Minarett ist leider nur der Stumpf erhalten. Kurz bevor wir wieder in den kühlen Schatten des tunnelartigen Tores treten konnten, erfreuten wir uns noch an üppig wuchernden Kaktus-Feigen und fotografierten deren gelbe Blüten. Eine Touristin blieb stehen und erzählte in gestückeltem Deutsch, daheim habe sie auch so einen Kaktus "geplantet", er ist rosa, kommt jedes Jahr wieder und wächst in einem Garten in Utah. Darüber vergaß sie fast, weiter nach ihrem Mann zu rufen, der ihr scheinbar irgendwo abhanden gekommen war.

Es gibt viel zu sehen und entdecken in Rethymnon, deshalb sollte man wirklich ausreichend Zeit einplanen und bedenken, dass einiges an Laufarbeit zu leisten ist. Wir spürten die absolvierten Kilometer erst so richtig in den Beinen, als wir, zurück in Georgiopolis, aus dem Auto stiegen.