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Wer von Reutlingen aus in Richtung Schwarzwald unterwegs ist, kann das Schloss leicht übersehen, denn die Straße führt dicht am Fuß eines steil aufragenden Berghanges vorbei, der sich ins Neckartal wölbt und mit seinem bewaldeten Rücken den Blick verstellt. Aus der Gegenrichtung grüßt das Schloss schon von weitem, mit großem Haupthaus und kleinem Turm, die stolz das Tal überragen.

Vom Ort Börstingen führt eine schmale Straße den Hang hinauf, aus dem Tal heraus und bis vor das hübsche Tor des Schlosses Weitenburg. Spätestens im Schlosshof vermittelt sich mit einem Mix verschiedener Baustile die bewegte Geschichte des Ensembles. Vor fast tausend Jahren, so lässt sich in Erfahrung bringen, hat alles mit einer befestigten Wehrburg angefangen, die im Laufe der Jahrhunderte zu einem Wohnschloss umgestaltet wurde und heute ein Hotel beherbergt. Um den Blick über das Neckartal zu genießen, muss man hineingehen, denn die Schlossgebäude verstellen die Aussicht. Die ehemalige Schlossküche, in der Mitte des Raumes ist noch der große Rauchabzug erkennbar, wurde zu einem atmosphärisch stimmigen Restaurant umgewidmet, einschließlich Ahnenbildern an den Wänden.

Wir setzten uns an einen Tisch in einer Fensternische und während wir Kaffee und Kuchen erwarteten, fesselte uns der Ausblick. Unter dem Fenster breitet sich das Neckartal in seiner ganzen Pracht. Börstingen ist zu einem Miniaturdorf geworden, der Neckar schlängelt sich schmal dahin, flankiert von Bahnlinie und Straße. In der Ferne eine Brücke, dahinter beginnt der Schwarzwald und bis Horb ist es nicht mehr weit. Ein Greifvogel, ein Falke vielleicht, stieg vor dem Fenster auf und schwebte, mit uns auf Augenhöhe, in der Luft. „Schauen Sie nicht alles weg, das muss ich nachher alles wieder nachmalen“, sagte die Kellnerin, während sie ihren Servierwagen vor uns parkte.

Sicher ist es etwas ganz Besonderes, hier als Hotelgast in vornehm altertümlichen Zimmern mit prächtigem Ausblick zu logieren und sich ein wenig herrschaftlich zu fühlen. Vielleicht ist aus Orten wie diesem ein Wort wie Hochadel entstanden. Nur mit Macht und Geld war es möglich, sich hoch hinaus die besten Plätzchen zu sichern. Ganz logisch, dass man sich hier privilegiert fühlen musste, den kleinen Untertanen im Tal überlegen und vermeintlich sicher vor Feinden. Aus so einer Perspektive entsteht ein ganz eigener Blick auf die Welt. Eine Aura, die heutige Fürsten von und zu noch immer zu umwehen scheint. Gut, dass zumindest die Zeit der Scharmützel vorbei ist, mit denen man sich solche Anwesen früher gegenseitig streitig machte.

Nachdem wir genug herabgeblickt hatten, kehrten wir ins Tal zurück und schauten noch einmal hinauf, zum Schloss Weitenburg, das seit 1720 den Nachfahren des Freiherrn Rupert Rassler gehört. Der hat es seinerzeit übrigens ganz regulär gekauft und nicht erobert. Weil das Mittelalter da auch schon längst vorbei war.