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Anflug auf Heraklion am frühen Vormittag. Wir sanken dem Blau des Kretischen Meeres unter uns entgegen. Der Horizont kehrte zurück, eine Insel zog vorbei, die Heckwellen der Schiffe wurden erkennbar. Als der Flieger sich neigte und sich in eine weite Kurve legte, ist Kreta plötzlich ganz nah. Kahle Gebirge mit Wolkenmützen steigen vor den Fenstern auf und schaukeln nach dem Schwenk wieder unter die Tragflächen zurück. Mit dem Blick auf die Berge auf der einen und dem Meer auf der anderen Seite näherten wir uns der Landebahn, die entlang der Küstenlinie verläuft und bis kurz vor dem Aufsetzen für uns unsichtbar geblieben war. Feucht-warme Luft und strahlender Sonnenschein begrüßten uns. Der Urlaub hatte begonnen.

Alle schienen es furchtbar eilig zu haben, zu ihren Ferien an die Strände zu kommen, strömten hastig ins Terminal, drängten sich nach vorn ans Gepäckband, rumpelten mit voll bepackten Kofferwagen ins Freie. Vor der Ankunftshalle eine Reihe provisorisch anmutender Sperrholz-Pavillons, dahinter eine Armada von Bussen. Mit routinierter Freundlichkeit wurden wir in Empfang genommen, auf der Liste abgehakt, mit einem Info-Flyer ausgestattet und zum Bus geschickt. Unser Transfer zum Hotel in Georgioupolos wird zwei Stunden dauern, als "Passenger" für den "final stop" konnten wir uns entspannt zurücklehnen und mussten nicht auf Hotelnamen lauschen.

Die Fahrt entlang der Küstenstraße Richtung Westen brachte uns schnell in Ferienstimmung. Kahle Felsmassive, Schluchten, Buchten und Orte reihten sich aneinander, das Meer war stets in Sichtweite. Hinter den Leitplanken wucherte üppig der Oleander. Mit Palmen und Geranien geschmückte Hotelanlagen mischten sich in Olivenplantagen. War hinter Heraklion die Vegetation noch spärlich und sind die vor Jahrhunderten gerodeten Hänge noch heute nackt, wurden vor Rethymnon die grünen Haine und Baumwipfel zahlreicher. An der Straße boten Händler Orangen zum Kauf, die in transparente Beutel verpackt als weithin sichtbare Farbtupfer in den Ästen der Pinien baumelten.

Unser Bus bog von der Hauptstraße nach Bali ab. Vor zwanzig Jahren hatten wir hier unseren ersten Kreta-Urlaub gemacht. Wir hatten Bali als überschaubares, kleines Fischerdorf in Erinnerung, mit alten Häusern, ländlichem Flair und nur einigen Hotels an den Hängen. Dieses Bild hat sich gründlich gewandelt. Der Ort ist heute dicht bebaut, der Blick auf die Bucht verstellt, die engen Straßen sind dem Verkehr kaum gewachsen. Bali wirkt jünger, touristischer und weitaus enger, als wir es in Erinnerung haben.

Zur Mittagszeit erreichten wir Georgioupolis. Unser Hotel war eine Anlage aus mehreren verstreut liegenden Gebäuden. Wir durften uns wünschen, in welcher Etage wir wohnen möchten und schon zottelten wir mit unseren Koffern einem Zimmermädchen in typisch hellblauer Schürze hinterher. Unser Zimmer machte einen guten ersten Eindruck, der Strand war in Sichtweite. Einzig Handtücher fehlten und wir mühten uns redlich, auf dieses Problem hinzuweisen. Bis heute fragen wir uns, ob wir das Wort "Towel" so schlecht ausgesprochen haben oder ob unser Gegenüber die Vokabel einfach nicht kannte.

Wir schlüpften in Sommersachen und machten uns auf, den Ort zu entdecken. Natürlich gingen wir zunächst an Meer. Georgioupolis liegt an einer weit geschwungenen Bucht mit langem Sandstrand und ist von Bergen umgeben. Gleich bei der Ankunft waren uns Schilfgürtel neben der Straße aufgefallen. Sie säumen kleine Bäche und Gräben, in denen das Wasser der Berge in die Niederung fließt. Überall am Strand finden sich kleine Rinnsale und Quellen, aus denen Grundwasser sprudelt. Wir waren überrascht, als wir zum ersten Mal im Sand den Kontrast zwischen kaltem Süßwasser und warmem Meer an unseren Füßen spürten.

Der Strand war wie man es von Ferienstränden erwartet. Formationen aus Schirmen und Liegen prägten ihn, er war von einer Promenade flankiert, an der sich Restaurants, Tavernen, Bars und Cafés reihten. Dahinter und dazwischen die Hotels und alles, was der Urlauber sonst noch zur Zerstreuung brauchen könnte. Der Tourismus gibt den Ton an. Und doch hat der Ort sein menschliches Maß nicht verloren. Die Hotelanlagen sind zahlreich aber klein, die Bebauung ist aufgelockert, die Zahl der Gäste überschaubar. Der Ort hat einen zentralen Platz, die Platia, mit dörflichem Charakter und einen kleinen Fischerhafen. Um das sumpfige Umland trocken zu legen, wurde vor über einhundert Jahren emsig Eukalyptus gepflanzt, der heute mit mächtigen Bäumen das Ortsbild prägt und unter der Sommersonne angenehmen Schatten spendet.

Vom Hafen, der an einer Flussmündung liegt, führt eine rustikale Kaimauer ins Meer hinaus. Sie besteht aus basaltartigen Felsbrocken, die knapp über die Wasserlinie reichen und glitschig sind, weil sie immer mal wieder überspült werden. An ihrem Ende blinkt weiß vor blauem Himmel die kleine Kapelle Agios Nikolaos und scheint auf dem Meer zu schwimmen. Der Weg dorthin ist ein Balanceakt, ein Hüpfen von Stein zu Stein über Spalten hinweg, doch wird er von einem wirklich imposanten Blick belohnt. Berge, Ort, Strand und Bucht bilden ein eindrucksvolles Panorama.

Wir wanderten die Promenade zurück. Langsam wurde es Zeit für einen Snack und ein kühles Getränk. Ein Stückchen noch, bis zu den seltsamen Brücken dort, wollten wir noch gehen. Hier ergießt sich ein schnell strömender, flacher Bach ins Meer. Eine kleine Taverne kuschelt sich ins Ufergrün, sie ist vom Strand nur über eine Brücke zu erreichen. Wir kehrten ein und bestellten uns griechischen Salat und Mythos-Bier. Das Bier kam in geeisten Gläsern, die so kalt waren, dass sich außen Reif und innen frostige Bierklumpen bildeten. Der Salat brillierte mit einem äußerst guten Feta-Käse, nicht zu reden vom fantastischen Aroma der griechischen Tomaten.

Unser Urlaub auf Kreta hatte begonnen. Am Nachmittag wurde angebadet, abends ein hübsches Restaurant gesucht und danach noch irgendwo ein Cocktail getrunken. Es war Mitternacht, als wir müde in unser Zimmer zurückkehrten. Unserem Hotel gegenüber war eine Bar. Sie schickte uns grüne Lichtpunkte an die Wände, die Tanzfläche am Pool war noch gut gefüllt, aus den Boxen klang Lenas "Satellite" - unsere Einschlafmusik.