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Das Echaztal unweit von Reutlingen hat steile Flanken. Und gerade da, wo der Einschnitt in die Schwäbische Alb sich am schroffsten bricht, steht hoch oben ein Schloss mit weißem Turm auf einem Felsen und scheint über dem Abgrund zu schweben. Munterer Herbstwind und schnell treibende Wolken begrüßten uns am Schloss Lichtenstein und klare Luft sorgte für einen spektakulären Weitblick. Aus über 800 Metern Höhe war in der Ferne sogar Stuttgart zu sehen.

Das Schloss ist einer Ritterburg nachempfunden, errichtet zur Zeit der Romantik, als das Mittelalter mit Legenden, Heldentaten und Ritterkämpfen zur guten alten Zeit verklärt wurde. Wilhelm Hauff, heißt es, habe mit seinem Roman "Lichtenstein" an die Geschichte dieses Ortes erinnert, als von der alten Burg an dieser Stelle nur noch Fundamente zu finden waren. So inspiriert machte sich Wilhelm Graf von Württemberg daran, auf dem Felsen ein neugotisches Märchenschloss bauen und ausstatten zu lassen, das alles aufgriff, was Mitte des 19. Jahrhunderts an romantischen Vorstellungen über die Ritterzeit verbreitet war. Auch die später ergänzten Burganlagen hatten sich eher an ästhetischen als funktionellen Vorgaben zu orientieren. Bis heute zieht das Ensemble den Besucher sofort in seinen Bann, denn bis hin zu Park und Figurenschmuck ist alles prachtvoll, imposant, harmonisch - eben märchenhaft.

Eine hölzerne Brücke führt zum Schlosstor auf den Felsrand hinüber. Wir schlossen uns einer Führung an, die sich gerade im kleinen Burghof sammelte. In der Waffenhalle ragte der nackte Felsen bis in den Raum, die kleine Schlosskapelle beeindruckte uns mit goldenem Sternenhimmel an der Decke und Glasmalereien an den Fenstern. Die Trinkstube, so vermittelte sich glaubhaft, heißt nicht nur so, sondern wurde auch für diesen Zweck genutzt. Denn das Schloss war nicht nur dafür gedacht, Sammlungen aufzunehmen, es wurde auch genutzt und bewohnt. Wir ließen uns erzählen, welche Funktion die fröhlichen Herrengelage dem kleinen Balkon zugedachten, was es mit der überdimensionalen Sektflöte auf sich hat und entzifferten die derben Trinksprüche an den Wänden. Königszimmer, Wappensaal, Rittersaal - der Rundgang führte durch reich bemalte und üppig ausgestattete Räume und endete im Treppenhaus vor dem Bild mit dem Schützen von Lichtenstein, der mit seiner Armbrust den Betrachter unentrinnbar anvisiert.

Neben der Besichtigung des Schlosses und der Burganlage lohnt auch ein Abstecher zu den Ruinen der alten Burg Lichtenstein. Sie wurde im 14. Jahrhundert im Schwäbischen Städtekrieg von den Reutlingern zerstört und danach aufgegeben. Nur noch wenige Mauerreste sind zu sehen, bieten aber eine gute Gelegenheit, die romantischen Gedanken an das Mittelalter wenigsten etwas zu relativieren - wenn die Sammlung von Kanonen am Burgturm das nicht bereits erreicht haben sollte.