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"Die geretteten Götter aus dem Palast vom Tell Halaf" im Pergamonmuseum auf der Berliner Museumsinsel sind eine Zeitreise mit schicksalhaften Stationen. Obwohl die Skulpturen und Reliefs der Ausstellung rund 3.000 Jahre alt sind, richtet sich der Blick der Besucher vor allem auf die letzten einhundert Jahre, die die Funde in Berlin verbracht haben. Hier zerbarsten sie in abertausende Splitter, galten als verloren und wurden in mühevoller Arbeit wieder zusammengesetzt.

Es ist ein beklemmender Anblick, vor den Paletten mit ausgebreiteten Bruchstücken zu stehen, die keinem der steinernen Bildwerke zugeordnet werden konnten, obwohl auf ihnen Muster und Bearbeitungsspuren zu erkennen sind. Die Splitter lassen erahnen, was für eine Herausforderung es war, sie wieder zu Reliefs und Figuren zu fügen. Unvermeidlich kommt da der Gedanke, sie wären lieber im syrischen Boden geblieben oder doch wenigstens viel später entdeckt worden. Das wäre jedoch ungerecht gegenüber dem Entdecker Max von Oppenheim, der die Katastrophe nicht voraussehen konnte, aber mit ansehen musste, wie seine archäologischen Kostbarkeiten in Trümmer fielen.

1911 begann Oppenheim im Nordosten Syriens seine Ausgrabungen im Tell Halaf, wo sich eintausend Jahre vor unserer Zeitrechnung ein Fürstenpalast erhob. Innerhalb mehrerer Jahre wurden monumentale Götterfiguren, Grabskulpturen, Reliefplatten, Steinbilder von Fabelwesen und viele weitere Kleinfunde entdeckt. Die Fülle der archäologischen Funde war bereits damals eine wissenschaftliche Sensation. Ein Teil davon wurde nach Berlin gebracht, wo Max von Oppenheim in einer ehemaligen Maschinenhalle ein viel beachtetes Privatmuseum eröffnete.

Diese im Grunde ganz gewöhnliche Geschichte für die öffentliche Präsentation archäologischer Ausgrabungsfunde fand während des Krieges im November 1943 ihr abruptes Ende. Nach einem Bombentreffer brannte das Tell-Halaf-Museum vollständig aus. Hitze, Löschwasser und Frost zogen danach die Steinskulpturen so stark in Mitleidenschaft, dass sie in kleinste Splitter zerbrachen. Rund 27.000 Teilstücke wurden geborgen, im Pergamonmuseum eingelagert und gerieten in Vergessenheit, weil man eine Rekonstruktion für unmöglich hielt.

In den letzten zehn Jahren haben sich Wissenschaftler und Restauratoren daran gemacht, die vielen Fragmente zu sichten und die steinernen Götter, Löwen und Fabelwesen wieder erstehen zu lassen. Nun sind die einzigartigen Steinbilder erneut zu sehen, übersät mit den Spuren der erlittenen Verletzungen. So vereinen sich die Hochachtung vor der Kunstfertigkeit der Steinmetze vor Jahrtausenden und der Respekt vor der Leistung der heutigen Wissenschaft. Doch der Blick zurück in die Zeit der Monumente des fernen Fürstenpalastes von Tell Halaf wird auf immer mit den Narben verbunden sein, die unsere eigene Vergangenheit ihnen zufügte. Noch bis zum 14. August 2011 kann man sich im Pergamonmuseum von den geretteten Göttern in ihren Bann ziehen lassen.