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Morgenröthe-Rautenkranz. Das ist doch mal ein schöner Name für einen Ort. Wie melodisch und anheimelnd. Und auch mit seiner Lage, in einem Tal zwischen bewaldeten Bergen, macht er seinem Namen Ehre. Zwischen Fernstraße und Bahngleis hat sich die Zwickauer Mulde ein idyllisches Bett gespült, schlängelt sich munter als kleines Bächlein durch satte Wiesen. Hier lässt sich gut wandern und Wintersport treiben, hier warten Bergbautradition und Kunsthandwerk. Ein wenig erzgebirgisch ist es hier schon, das Vogtland. Und jeder, der in der DDR aufgewachsen ist, weiß, hier ist die Heimat unseres Fliegerkosmonauten Sigmund Jähn.

Im Sommer 1978 flog Sigmund Jähn als erster Deutscher zur russischen MIR-Station hinauf. Mit einer ständigen Ausstellung wurde Morgenröthe-Rautenkranz kurz darauf zum Wallfahrtsort für Kosmos-Begeisterte. Mitte der achtziger Jahre war ich zum ersten Mal hier, damals wurde die Heldentat noch im Bahnhofsgebäude gewürdigt. Heute gibt es einen modernen Bau, mit blauer Hülle und dem Charme einer Lagerhalle. Doch das funktionelle Gebäude beherbergt eine Schau, deren Besuch sich lohnt. Die "Deutsche Raumfahrtausstellung" zur Geschichte der Raumfahrt und Weltraumforschung hat den einst beengten Blick auf die sowjetischen Erfolge erweitert, zu den Kosmonauten haben sich die Astronauten gesellt, außer Sojus-Raketen starten auch Modelle von Apollo und Ariane in ihre Umlaufbahnen. Und was ich dazugelernt habe: Auch Ulf Merbold, der erste Bundesbürger im All, war einst im Vogtland zu Hause.

Auf dem Freigelände wurde ein Planetenpark angelegt, der unser Sonnensystem (ich vermute maßstabsgetreu) darstellt und eine Ahnung von den Dimensionen außerhalb unseres irdischen Daseins bietet. Neben dem Spielplatz steht wie ein Denkmal eine MiG 21, das Jagdflugzeug von Sigmund Jähn, dessen Laufbahn militärisch begonnen hat.

In der Ausstellung finden sich Raumanzüge, Raketenmodelle, Bilder und technisches Gerät, das einen vielseitigen Einblick in die Entwicklung der Weltraumforschung gibt - vom Sputnik bis zur ISS. Eine besondere Anziehungskraft auf die Besucher geht vom Trainingsmodul der MIR-Station aus. So ging es also zu, in der Schwerelosigkeit. Verblüfft schauten wir, wie schlicht, wie einfach, wie untechnisch, wie russisch das heute alles wirkt. So beengt hatten die Kosmonauten also teils über Monate gelebt und gearbeitet. Fast unvorstellbar. Überall Riemchen und Haltegurte, kleine Schubladen und versteckte Fächer. Eine kleine Luke zum Andocken der Sojus-Kapsel, der einzige Weg zurück in die Welt. Und die Toilette - für uns Erdgebunden besonders interessant.

Wieder am Eingang zurück, fragte ich die Kartenverkäuferin, ob es nicht früher auch die originale Landekapsel zu sehen gab, signiert von Jähn und Bukowski, nachdem sie in der kasachischen Steppe gelandet waren. "Nein, nie", rief auch gleich einer der Einheimischen aus der zweiten Reihe. In dieser Frage trügte mich die Erinnerung, es wird sich wohl um ein Foto gehandelt haben - stand nicht auch Sigmund Jähn dabei, noch mit dem Stift in der Hand? Und dann fiel mir ein, wie wir am 3. September 1978 alle vor dem Fernseher saßen. Ich war Lehrling damals. Wir unterbrachen die Ausbildung, gingen hinaus und schauten auf den kleinen Schwarz-Weiß-Bildschirm, den man in den Schatten eines Baumes gerückt hatte. An Fallschirmen segelte die Kapsel herab und wir drückten die Daumen für die letzten Meter. Was waren wir stolz auf ihn, unseren Kosmonauten Sigmund Jähn.