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Der Louvre, heißt es, ist das größte Museum der Welt - das weitläufigste ist es allemal. Bereits der Blick vom Ufer der Seine auf die langgestreckte Fassade lässt erahnen, welche Laufarbeit den Besucher erwartet. Und doch ist es erst einer der beiden Flügel des Palais, die wie ausgebreitete Arme dem Tuilerien-Garten entgegenstreben. Spätestens bei einem Rundblick von der gläsernen Pyramide in deren Mitte aus verpuffte unsere Illusion, sich einen Überblick über alle Sammlungen verschaffen zu können. Wir durften schon dankbar sein, auf seinem Rundgang wenigstens einigen Stars unter den Kunstwerken zu begegnen.

Auf dem Weg zum Louvre überquerten wir die Pont des Arts, die berühmte Fußgängerbrücke, deren Geländer aus Eisengitter von beschrifteten Vorhängeschlössern übersät sind, die Pärchen als Zeichen ihrer unlösbaren Liebe hier befestigt und den Schlüssel in die Seine geworfen haben. Wir halfen beim Knipsen eines Erinnerungsfotos vor dieser Galerie aus Treueschwüren, von der es nur wenige Schritte bis zum Tor des Palais du Louvre sind, das uns auf einen großzügigen Innenhof führte.

Uns begrüßte ein prachtvolles Karree aus üppig mit Säulen, Ornamenten und Figuren verzierten Fassaden. Durch ein weiteres Tor war bereits die Glaspyramide des Haupteinganges zu sehen, die das Licht der Vormittagssonne reflektierte. Auf der Freitreppe zum Platz hinunter blieben wir einen Augenblick, wandelten von links nach rechts und zurück, um den imposanten Eindruck des Gesamtensembles zu genießen. Hinter uns und zu beiden Seiten die Gebäude des Museums, vor uns das Besucherzentrum mit seinen Glaskonstruktionen und Wasserbecken, dahinter das Reiterstandbild von Sonnenkönig Ludwig XIV., der kleine Triumphbogen am Place du Carrousel, die Tuilerien, in der Ferne sichtbar der Obelisk am Place de la Concorde, die Straßenflucht der Champs Elysees und schwach im Dunst, aber erkennbar, der große Arc de Triomph. Das musste sie sein, die Mutter aller Sichtachsen, waren wir uns einig.

Spazieren wir weiter oder gehen wir hinein? Angesichts der vielen wartenden Menschen, die in einer um die Glaspyramide geschwungenen Schlange anstanden, waren wir unschlüssig. Wir setzten uns auf eine der massigen Steinbänke, die auf der Schattenseite des Platzes die Balustrade säumen, und wägten ab. Zeit war kostbar. In Florenz hatten wir uns vor den Uffizien einmal mehrere Stunden geduldig eingereiht - und jede Sekunde war es wert.

Wir können jetzt nicht gehen, ohne der Mona Lisa unsere Aufwartung gemacht zu haben. Also stellten wir uns an. Schnell bemerkten wir, wie stetig und zügig es voranging. Bald kam der Eingang in Sicht, waren wir bei der Einlasskontrolle angelangt und gingen erwartungsvoll die Freitreppe zur Halle unter dem Glasdach hinab.

Mit den Eintrittskarten in der Tasche und einem Übersichtsplan in der Hand schauten wir uns etwas orientierungslos um. Werbeplakate lockten in Sonderausstellungen, Informationstafeln, die wie große Fahnen von der Decke hingen, zeigten die Wege zu den Sammlungen an. Drei Trakte stehen zur Wahl und machten uns die Entscheidung schwer. Richtung Sully geht es zum Ägypten der Pharaonen, in die griechische und iranische Antike, zu französischen Gemälden und den Resten des mittelalterlichen Louvre. Im Richelieu-Flügel warten unter anderem Gemälde und Skulpturen aus Nordeuropa. Wer sich Denon zuwendet, findet römische, etruskische und griechische Kunst und Gemälde aus dem Mittelmeerraum, eines davon ist die Mona Lisa. Also zunächst Denon und dann weiter, bis wir uns satt gesehen haben oder unsere Kräfte erlahmen.

Wir reihten uns in den Besucherstrom, gingen erwartungsvoll die ersten Treppen hinauf, erreichten einen ersten Saal mit Skulpturen. Der Borghesische Fechter, die berühmte Staute aus hellenistischer Zeit, steht in dynamischer Pose versteinert vor uns. Den Körper gestreckt, jeder Muskel erkennbar angespannt, den Arm abwehrend erhoben, holt er zum Schlag aus. Ein eindrucksvoller Kämpfer.

Es ging vorbei an weiteren würdevollen, lebensnahen Standbildern, aufgereiht zwischen den Fensterbögen zu beiden Seiten. Ein weit geschwungener Türbogen führt in ein Treppenhaus. Das Treppenhaus eigentlich. Es bietet den weltbekannten Blick: Breite Stufen, von Menschen übersät, führen hoch in das nächste Stockwerk hinauf, wo ihnen in strahlendem Licht die Nike von Samothrake entgegen schwebt. Ohne Kopf und Arme hält die Siegesgöttin ihre Flügel ausgebreitet, mit ihrer vorgebeugter Körperhaltung scheint sie noch zu fliegen, der Wind fängt sich in ihrem luftigen Gewand und schmiegt es an ihren Bauch.

Die Bildergalerie begann und wieder waren wir beeindruckt. Eine hohe, endlos wirkende Halle mit gläsernem Dach öffnete sich vor uns, weitere Säle gehen davon ab. Bild an Bild an den Wänden, mitten in einem reichen Dekor aus Stuck, Wandmalereien, Figuren und Farben. Die Eindrücke prasselten auf uns ein und, wie so oft in Museen, fiel es schwer, die Aufmerksamkeit angemessen zu verteilen. Erst einmal den Raum wirken lassen, dann langsam an den Kunstwerken vorbei, einen Blick auf die Beschreibung erhaschen. Wir sammelten Impressionen und wussten, dass wir sie nicht würden speichern können. Nur ein Blick, ein knapper Moment. Und weiter, es kommt noch so viel mehr. Es ist klar, das wird den Malern und ihren Gemälden nicht gerecht. Selbstverständlich würden wir uns nach dem Rundgang einen Katalog kaufen, um zu Hause und in aller Ruhe noch einmal unseren Besuch und Stimmung dieser Räume wachzurufen. Erst dann würden wir merken, welche Meisterwerke uns beim Rundgang entgangen sind.

Dann der Salle des Etats, dicht gedrängt mit Menschen gefüllt. Rings an den Wänden und nahezu unbeachtet, reihen sich Gemälde. Alle hatten nur Augen für die Stellwand in der Mitte des Raumes. Hier war sie, von Glas geschützt, die Mona Lisa von Leonardo da Vinci. Kein großes Portrait, aber was für eine Aura. Mit Absperrband wurden die vorderen Besucher auf Distanz gehalten, damit die Sicht für die anderen nicht vollends verstellt war. Der Versuch, die Menge auf geordnete Weise an der Mona Lisa zu führen, war in Ansätzen erkennbar, doch erfolglos. Von allen Seiten bahnten sich die Besucher den Weg nach vorn, umringt von gereckten Hälsen und erhobenen Händen mit Fotoapparaten. Geduldig ließen wir uns in der Menge treiben, bis wir ihr gegenüberstanden, ihrem versonnenen Blick, ihrem geheimnisvollen Lächeln. Hallo, Mona Lisa. Was für ein Moment.

Wir blieben noch einige Stunden im Louvre, gingen Kilometer um Kilometer an Bildern, Skulpturen und Vitrinen vorbei. Nur kurz vorbeischauen, in diesen Saal noch, die ägyptische Sammlung ist ganz in der Nähe. Pharaonen, Fresken, Sphinxen, Stelen, Sarkophage. Der "Hockende Schreiber" schaute uns an, aus seinen Augen aus Bergkristall. Vor mehr als viertausend Jahren wurde er aus Kalkstein geformt.

Als wir an den Fundamenten der mittelalterlichen Louvre-Festung vorbei dem Ausgang zustrebten, waren uns die Beine schwer geworden. Wir hatten uns wieder einmal treiben lassen und sehen wollen, was nur irgend möglich war. So oft ist man nicht in Paris. Jeder Schritt war gut investiert. Beim Blättern in der neu erworbenen Broschüre auf der Rückfahrt brachten wir in Erfahrung, was wir alles nicht gesehen hatten. Ich glaube, wenigstens einmal noch sollten wir wiederkommen und, wenn uns die Beine am Ende noch tragen wollen, auf einen Sprung bei Mona Lisa vorbeischauen.