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Warum waren wir eigentlich noch nie in Prag? Auf diese Frage konnten wir keine plausible Antwort finden und reservierten uns deshalb ein langes Wochenende im März für einen Abstecher dorthin. Wir entschieden uns für eine Anreise mit dem Fernbus. Eine wirklich gute Alternative zum Auto, an der es nichts zu mäkeln gibt. Die Fahrt war pünktlich, der Preis günstig, die Sitze bequem, es gab WiFi an Bord und es ging schnell. Morgens in Berlin eingestiegen waren wir am Mittag dort. Zudem ist der Busbahnhof Florenc so gut gelegen, dass es im Grunde keiner weiteren Verkehrsmittel bedarf, um in die Prager Altstadt zu gelangen. Angesichts unseres leichten, aber für erste Wanderungen doch unhandlichen Gepäcks, fuhren wir aber erst einmal ein Stück mit der Metro.

Auf dem Wenzelsplatz kamen wir wieder ans Tageslicht. Eine wahrhaft würdige erste Begegnung mit Prag. Es gibt Plätze in den großen Städten der Welt, die wirken in der Wirklichkeit viel kleiner, als man in seiner von Bildern inspirierten Vorstellung erwartet hat. Beim Wenzelsplatz ging es mir umgekehrt. Die Bezeichnung Platz wird diesem Boulevard nicht gerecht. Er erstreckt sich in wuchtiger Breite über gefühlt viele hundert Meter. Vielleicht wirkt er auch so groß, weil seine Sichtachse geneigt ist und einen sanften Hügel hinaufführt, an deren Ende das Denkmal des heiligen Wenzel von Böhmen hoch zu Ross und das repräsentative Nationalmuseum über allem zu schweben scheinen. Unmittelbar war der Hauch von Metropole spürbar, geschäftiges Treiben an den Ladenzeilen, Touristen auf Entdeckungstour und nun auch wir mittendrin. Wenige Schritte später wurden wir auch an die mit diesem Ort verbundene Vergangenheit erinnert. Der Prager Frühling sei nur als beispielhaftes Stichwort eingeworfen. Schwer vorzustellen, dass sich diese lebendige wie geschichtsträchtige Prachtstraße einmal aus einem Pferdemarkt entwickelt haben soll.

Am anderen Ende des Wenzelsplatzes angekommen, weisen Hinweisschilder den Weg in die Gassen der Altstadt. Wir vertagten es jedoch, ihnen zu folgen und machten uns Richtung Neustädter Rathaus auf den Weg. Dort in der Nähe befand sich unser Hotel. Um an dieser Stelle keine Ortskenntnis vorzugaukeln: Wir waren natürlich vorbereitet und hatten uns einen Plan ausgedruckt, dem wir zielstrebig folgten. Außerdem war bald der Rathausturm als Wegmarke zu sehen. Davor ein weiterer weitläufiger, als Park angelegter Platz, einmal um die Ecke herum und wir waren da. Wir checkten schnell ein, um möglichst viel von dem noch jungen Nachmittag für den Auftakt unserer Spaziergänge zu retten. Auch auf die dicken Jacken konnten wir verzichten, das Wetter meinte es gut mit uns. Die Sonne schien und es war frühlingshaft mild.

Vom Hotel war es nicht weit bis zum Ufer der Moldau. Am "tanzenden Haus", einem dynamisch geschwungenen Bravourstück moderner Architektur, öffnete sich für uns zum ersten Mal der Blick zum Hradschin und zur Prager Burg. Nun wussten wir, in welcher Richtung wir auf der Uferpromenade zu wandeln hatten. An dieser Stelle schnell noch eine allgemeine Bemerkung zur Architektur in Prag. Wer sich für Stilepochen und Bauwerke interessiert, kann sich hier wie in einer Fundgrube fühlen. Vom Mittelalter bis in die Moderne hat hier jede Zeit bemerkenswerte Musterstücke hinterlassen. Gotik und Jugendstil stehen einträchtig wie harmonisch nebeneinander. Es ist ein wirkliches Glück, dass Prag von den Feuerwalzen des Bombenkrieges und überambitionierten Stadtplanern verschont wurde. Es war für uns ein wahres Vergnügen, durch die Altstadt zu spazieren und die alten Gebäude und hübschen Fassaden zu bewundern. Die Schönheit der Stadt wird wirklich nicht umsonst gerühmt.

Unsere nächste Station war die Karlsbrücke, natürlich ganz weit oben auf dem Pflichtprogramm jedes Prag-Besuchers. Wie es schien, waren sie alle gerade da. Wir mischten uns in das Gewimmel aus Straßenhändlern und Touristen. Bei den Skulpturen auf den Brückenmauern beließen wir es beim Betrachten. Wir sind nicht so kundig, was die dargestellten Heiligen betrifft, und auch die Wunder, die man durch das Berühren von Reliefs bewirken kann, liegen für uns im Verborgenen. Doch ein wenig Gespür für Ästhetik genügte auch, um sich an ihnen zu erfreuen und den Hauch der Geschichte zu spüren.

Ein Blick auf die Uhr, wir hatten noch viel Zeit. Also hinüber in die Burgstadt, die Gassen erkundet, die Plätze überquert und den Berg hinauf. Dort schauten wir uns gründlich um. Das Schloss, die romanischen Türme der Basilika, der gotische Veitsdom in seiner imposanten Wucht, das Goldene Gässchen mit den an die Burgmauer geschmiegten Miniaturhäusern. So schön wie der Rundgang ist auch der Blick auf die Stadt. Die tiefstehende Sonne in unserem Rücken, erstrahlen die Dächer und Türme der Stadt. Zum Altstädter Rathaus, auch das darf man nicht verpassen, schien es gar nicht mehr weit, doch diesen Weg wollten wir uns dann doch besser für den nächsten Tag aufheben.

Zur Burg hinauf waren wir von der Schlossseite gekommen, auf den Rückweg machten wir uns durch das hintere Burgtor, wo es zügig wieder zum Ufer der Moldau hinabging. Danach war es Zeit, über die abendliche Planung nachzudenken.

Restaurants mit bodenständiger böhmischer Küche und heimischem Bier gibt es in Hülle und Fülle. Auch abseits der touristischen Hauptwege muss man vermutlich nirgendwo lange suchen. Auch wir wurden schnell fündig, setzten uns an einer hölzernen Tafel auf rustikale Stühle, aßen deftig und reichlich und freuten uns über den aufmerksamen Service, immer gut gefüllte Gläser zu haben.

Zum Ausklang des Tages gingen wir noch einmal zur Karlsbrücke zurück, um den Blick auf den Burgberg im goldenen Licht der abendlichen Beleuchtung zu genießen. Es liegt auf der Hand, dass uns im Hotel mit dem Ausschalten des Lichts der Schlaf übermannte.