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Die Schönheit von Heidelberg wird besungen und gerühmt, und es gibt wohl nur wenige, die nicht von der Stadt zumindest gehört haben. Heidelberg gilt als Inbegriff deutscher Ruinenromantik und barocker Altstadtidylle und ist Wallfahrtsort unzähliger Touristen aus aller Welt. Und das Beste daran: Die Vorfreude ist berechtigt.

Auf dem Weg zu unserem Ausflug kramte ich in meinen Gedanken, was ich zur Einstimmung in Sachen Heidelberg gespeichert habe. Seltsamerweise fiel mir als Erstes als Mark Twain ein. Irgendwann hatte ich schwärmerische Zeilen von ihm gelesen, in seinem "Bummel durch Europa". Kaum wieder zu Hause nahm ich das Buch aus dem Regal, blätterte nach und konnte nun meine eigene Eindrücke mit seinem Reisebericht aus dem Jahre 1880 vergleichen. So beschrieb Mark Twain den Blick aus seinem Hotelfenster:

"Aus einer schwellenden Woge leuchtend grünen Laubwerks erhebt sich, einen Büchsenschuss entfernt, die gewaltige Ruine des Heidelberger Schlosses mit leeren Fensterbögen, efeugepanzerten Zinnen, verwitternden Türmen - der Lear der unbelebten Natur - , verlassen, entthront, sturmgepeitscht, ober noch immer fürstlich und schön. Es ist ein prächtiger Anblick, wenn das Abendsonnenlicht plötzlich den belaubten Abhang am Fuße des Schlosses trifft, an ihm emporschießt und es wie mit leuchtendem Gischt übergießt, während die angrenzenden Gehölze in tiefem Schatten liegen. Hinter dem Schloss erhebt sich ein ansehnlicher kuppelförmiger, bewaldeter Berg, und hinter diesem einer, der noch stattlicher und höher ist. Das Schloss blickt hinunter auf die dichtgedrängte Stadt mit ihren braunen Dächern; und von der Stadt aus überspannen zwei malerische alte Brücken den Fluss. Nun weitet sich der Ausblick; durch den Torweg zwischen den postenstehenden Vorgebirgen sieht man hinaus auf die weite Rheinebene, die sich sanft und in satten Farbtönen hindehnt, allmählich und traumhaft verschwimmt und schließlich unmerklich mit dem fernen Horizont verschmilzt. Ich habe noch niemals eine Aussicht genossen, die einen so stillen und beglückenden Zauber besessen hätte wie diese."

Treffender lässt sich die imposante Kulisse der Stadt wohl kaum in Worte fassen. Und es ist ein Glück, dass dieses Bild auch noch nach reichlich hundert Jahren so erhalten und gültig ist.

Wir näherten uns der Altstadt vom der ihr gegenüber liegenden Uferpromenade des Neckar aus. Der Blick ist wahrhaft malerisch: Die steinernen Bögen der alten Brücke, die weißen Türme des Brückentores, die leuchtenden Fassaden der Häuser am Fluss, an den Berg geschmiegte Dächer und Kirchen, die Schlossruine im Frühlingsgrün, der Gipfel der Königsstuhls darüber. Abgesehen von den emsig treibenden Schauerwolken ein perfektes Panorama mit magischer Anziehungskraft. Also nichts wie hinein, in die barocken Gassen, die gleich hinter der Brücke beginnen.

Auf dem Marktplatz rieselten ein paar Regentropfen auf uns herab. Unter den Schirmen eines Straßenkaffees suchten wir Schutz und nutzten die Zeit für eine Kaffeepause. Ganz zufrieden mit Qualität und Service waren wir nicht, es gibt sicher bessere Gelegenheiten für eine Rast, doch der hübsche Marktplatz mit Kirche, Rathaus und Brunnen und auch der Schirm über unseren Köpfen stimmten uns versöhnlich mit der etwas lieblos geratenen Massenabfertigung.

Während wir auf unsere Rechnung warteten, beobachteten wir, wie sich vor der Tür des Rathauses eine kleine Menschenmenge sammelte. Auch eine, vermeintlich japanische, Reisegruppe wurde darauf aufmerksam und gesellte sich hinzu. Eine Hochzeitsgesellschaft, war zu ahnen, würde gleich auf den Platz treten. Die Handys und Fotoapparate wurden bereit gemacht. Die Überraschung war komplett, als das Brautpaar aus zwei Frauen bestand, die sich gerade das Jawort gegeben hatten. Amüsiert schauten wir zu, wie die Schaulustigen erst irritierte und verwunderte Blicke tauschten und dann doch hastig noch den einen oder anderen Schnappschuss für zu Hause einzufangen versuchten.

Wenige Schritte später gelangten wir auf den nächsten prächtigen Platz, den Kornmarkt mit dem Muttergottesbrunnen in seiner Mitte. Von hier aus hat man einen weiteren markanten Blick zur Schlossruine hinauf und wer noch Zweifel daran hat, den Aufstieg zum Schloss auf sich zu nehmen, trifft spätestens hier die Entscheidung, sich diesen Aussichtspunkt nicht entgehen zu lassen. Ganz so beschwerlich, wie es den Anschein hat, ist die Sache nämlich gar nicht: Es gibt eine Bergbahn, die den steilen Berghang hinauf führt.

Als wir an der Station ankamen, stand gerade eine Bahn zur Abfahrt bereit. Wir beeilten uns, schnell am Automaten ein Ticket zu ziehen und sprangen hinein. Ganz klug war das nicht, denn die Bergbahn hat eine für den Unwissenden tückische Tarifstruktur. Heute weiß ich: Es gibt mehrere Haltestellen, einmal zum Schloss, dann bis Molkenkur und nach einem Umstieg weiter bis hinauf zum Gipfel des Königstuhls. Das Ganze lässt sich als einfache Fahrt, als Hin- und Rückfahrt oder als Gesamtbahn buchen. Das alles verstanden wir nicht, wir waren darauf fokussiert, die nächste Bahn zu erreichen. Wir lösten Gesamtbahn, fuhren zwei Stationen mit und stellten fest, dass wir eigentlich beim ersten Halt hätten aussteigen müssen, wenn wir zur Schlossruine wollten. Und da wir nur zu einer einfachen Fahrt berechtigt waren, blieb uns der Weg zur Rückfahrt versperrt. Nach dieser Erfahrung hatten wir das Tarifsystem begriffen, waren aber nicht gewillt, jetzt schon wieder eine Fahrkarte zu kaufen, die wir gleich hätten viel billiger haben können. Egal, es gab ja noch den Spazierweg durch den Wald, einfach ein Stück den Berg wieder herunter.

Die Schlossruine ist größer und weitläufiger, als es vom Tal aus den Anschein hat. Der Blick hinunter, auf den Neckar, über die Dächer der Altstadt, auf die Berge und in die Ferne ist grandios. Das Schloss steht auf einem Tableu am Hang, zu dem ein in Terrassen gegliederter Park gehört. Die Ruine ist von einem Burggraben umgeben, einer der runden Ecktürme ist wie von einem Schwert zerschnitten, deren eine Hälfte in den Graben gerutscht ist und den Blick auf die Gewölbe in der geöffneten anderen Hälfte frei gibt. Ein bizarres Bild von roher Gewalt und Vergänglichkeit und doch wie kunstvoll inszeniert. Eine romantische Ruine fürwahr, mit vielen eindrucksvollen Perspektiven.

Zwei steinerne Ritter mit Speer und Schwert bewachen das mächtige Tor zum Schlosshof. Hier lässt sich erahnen, wie schön und repräsentativ das Schloss in den Zeiten war, als es noch als kurfürstliche Residenz diente, bevor es im 17. Jahrhundert zerstört, teilweise wieder aufgebaut und nach einem Blitzschlag endgültig aufgegeben wurde.

Im einem Kellergewölbe gibt es das weltberühmte Heidelberger Fass zu sehen. Mehr als 200.000 Liter Wein sollen dort hineinpassen, und während wir uns der Prozession der Besucher die Treppe hinauf auf das Dach des Fasses anschlossen, dachten wir wie alle anderen darüber nach, welchen praktischen Nutzen ein Fass dieser Dimensionen haben könnte und was die Erbauer bewogen haben mochte, so ein Monstrum zu zimmern. Vielleicht war es immer schon vor allem als Attraktion für die Gäste gedacht. Womit wir wieder bei Mark Twain wären. Auch er hatte vor dem Fass gestanden und sich mit augenzwinkerndem Humor in seinem Reisebericht seine Gedanken über den Sinn und Unsinn dieses Behältnisses gemacht.

Noch einmal besuchten wir die Schlossmauern, gewissermaßen den Balkon über der Stadt, und planten mit den Augen vor, welchen Weg durch das Dächergewirr wir bei unserer Rückkehr in die Altstadt am Nachmittag noch gehen wollten.




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